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Logistik im Umbruch

Montag, 03. Dezember 2018

Auch im Verkehr eröffnet die Digitalisierung ganz neue Möglichkeiten, die Abläufe zu optimieren und gleichzeitig Energieverbrauch und Emissionen zu senken. Im Güterverkehr können verschiedene Verkehrsträger in Transport- und Logistikketten noch besser vernetzt werden. Für Bernhard Mattes, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), ist dies ein entscheidender Ansatz: «Vernetzung ist notwendig, wir brauchen das Zusammenwirken aller Verkehrsträger angesichts eines steigenden Güterverkehrs.» Mattes erläutert die Vorteile am Beispiel Platooning, also das digital vernetzte Kolonnenfahren von Lkw. «Wir sehen, dass damit Spritverbrauch und CO2-Ausstoss um bis zu zehn Prozent gesenkt werden können.» 

Neue Lösungen für die City

Ein weiterer Ansatz für die Logistik der Zukunft sind alternative Antriebe zum bisher vorherrschenden Diesel. Vor allem in der City-Logistik nehmen elektrisch betriebene Transporter Fahrt auf. Auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) Nutzfahrzeuge im September 2018zeigten deutsche und internationale Hersteller eine Vielzahl batterie-elektrischerTransporter, die jetzt in Serie gehen oder schon am Markt verfügbar sind. Diese E-Fahrzeuge fahren lokal emissionsfrei, sie sind leise und verfügen über Reichweiten zwischen 120 und 200 Kilometer. Das Ladevolumen dieser E-Transporter umfasst vier bis 20 Kubikmeter, die Zuladung 700 bis 1750 Kilogramm. 

Auch wenn die Elektrifizierung schwerer Lkw aufgrund von Gewicht und Reichweite deutlich schwieriger ist, ist sie bei den schweren Brummis ebenfalls auf dem Vormarsch, besonders im Verteilerverkehr. MAN zeigte auf der IAA neben einem vollelektrischen Verteiler-Lkw, dem MAN eTGM, auch den MAN eTGE, eine batterieelektrische Variante des neuen MAN-Transporters. MAN stellt damit als einer der ersten Hersteller vollelektrische Lösungen für den gesamten Bereich der City-Logistik zwischen drei und 26 Tonnen vor. 

Elektro-Lkw in der LEH-Logistik

Mercedes-Benz Trucks testet seit einigen Jahren seinen vollelektrischen schweren eActros in der Praxis. Seit Oktober 2018 betreibt das Unternehmen Meyer-Logistik nun ebenfalls ein Jahr lang einen 25-Tonner – und zwar mit Kühlaufbau bei der Verteilung von temperaturgeführten Lebensmitteln in der Hamburger Innenstadt. Das Gewicht der Zuladung beträgt bis zu zehn Tonnen, die Reichweite rund 200 Kilometer. Die gesamte Tagesstrecke ist etwa 100 Kilometer lang und wird im Einschichtbetrieb von einem Fahrer gefahren. Bei dem Kühl-Wechselkoffer des von Meyer eingesetzten eActros handelt es sich um das Modell «W.KO COOL» mit optimierter Isolierung von Schmitz Cargobull. Das rein elektrisch betriebene Kühlgerät arbeitet emissionsfrei. Neben Meyer-Logistik haben bereits 20 weitere Unternehmen einen Elektro-Actros in ihre Flotte integriert. Die Entwicklung und Erprobung der schweren Elektro-Lkw im Verteilerverkehr wird im Rahmen des Projekts «Concept ELV²» zu verschiedenen Teilen vom Bundesumweltministerium (BMU) sowie vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) gefördert. Das Ziel von Daimler ist, ab dem Jahr 2021 lokal emissionsfreies und leises Fahren in Städten auch mit schweren Serien-Lkw zu realisieren – «und das auch betriebswirtschaftlich auf Augenhöhe mit Diesel-Lkw», wie das Unternehmen betont. 

Ausser dem Elektroantrieb bieten auch Gasantriebe Chancen für besonders umweltfreundliche Verkehre, gerade in Ballungsräumen. Neben Erdgas kommen hier auch die sogenannten E-Fuels – mithilfe von erneuerbarem Strom erzeugte synthetische Treibstoffe – ins Spiel. VDAPräsident Mattes sagt dazu: «E-Fuels eröffnen auch für Lkw die Perspektive eines völlig CO2-neutralen Einsatzes.» Während sich Herstellung und flächendeckende Verfügbarkeit von E-Fuels noch im Entwicklungsstadium befinden, steht Erdgas in grossen Mengen zur Verfügung. Allerdings muss für Lkw im Fernverkehr, die die hochkomprimierte Gasvariante CNG (Compressed Natural Gas) für grosse Reichweiten benötigen, in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern erst noch ein Tankstellennetz errichtet werden. Im regionalen Verteilerverkehr, wo man mit einer Tankstation in der Nähe aus-kommt, haben verschiedene Lebensmittelfilialisten und Speditionen bereits Lkw mit CNG-Antrieben im Einsatz. Zu den führenden Anbietern gehören Iveco, MAN und Volvo. Auf der IAA schickte nun auch Daimler Trucks einen neuen Actros NGT mit Gasantrieb ins Rennen, der auf tägliche Strecken bis zu 250 Kilometer im schweren Verteilerverkehr ausgelegt ist und damit den schon vorhandenen Verteiler-Lkw Econic mit Gasantrieb ergänzt. 

Diesel werden immer sauberer

Im Fernverkehr jedoch bleibt der Diesel vorerst unverzichtbar – und trägt dank laufender Weiterentwicklung ebenfalls zur Reduktion der Emissionen bei. Es seien, so VDA-Präsident Mattes, bereits erhebliche Fortschritte bei der Reduzierung von Kraftstoffverbrauch und CO2-Ausstoss erzielt worden: «Seit dem Jahr 2000 sind die CO2-Emissionen des Strassengüterverkehrs in Deutschland – trotz Verkehrswachstums – um acht Prozent zurückgegangen, die Emissionen pro Tonnenkilometer sogar um 35 Prozent.» Mattes sieht das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Anders als bei Pkws sei der Markt für Nutzfahrzeuge allein effizienzgetrieben und treibe deshalb die Entwicklung aus ökonomischer Notwendigkeit voran: «Niedriger Verbrauch ist ein wichtiger Wettbewerbsvorteil am Markt.»

Statement

Bernhard Mattes, Präsident des VDA, sieht verschiedene Optionen, Nutzfahrzeuge noch sauberer zu machen.

«So wichtig die Elektromobilität ist – im schweren Fernverkehr (Lkw bis 40 t) bleibt der saubere und effiziente Euro-VI-Diesel bis auf Weiteres sowohl wirtschaftlich als auch ökologisch der Platzhirsch. Dabei gibt es noch Potenziale zur weiteren Effizienzsteigerung, etwa durch aerodynamische Optimierung, durch Trailer mit Heck- oder Seitenflossen. Erdgas (LNG oder CNG) kann als Kraftstoff im Fernverkehr eine wichtigere Rolle spielen. Mit CO2-freundlichem Power-to-Gas kann der   Gasantrieb immer stärker dekarbonisiert werden. Ähnliches gilt für andere synthetische Kraftstoffe (E-Fuels), die CO2-mindernd im Bestand wirken, nicht nur bei Neufahrzeugen. Langfristig bieten sich zudem grosse Chancen für den elektrischen Antrieb durch die Brennstoffzelle.»

 

Info

Wie das Schweizer Handelsunternehmen Pistor nachhaltige Logistik praktiziert

Die Pistor AG setzt seit 2010 bei der Distribution ein Hybridkühlsystem ein, das keine Lärm- und CO2-Emissionen verursacht. Während der Fahrt treibt der Motor die Kühlanlage an, im Stand übernimmt die geräuschlose Flüssigstickstoff-Kühlung diese Funktion. Zudem hat der MARKANT Partner im Dezember 2017 den dritten Elektro-Lkw (Foto) in seinen Fuhrpark aufgenommen. Der 27-Tonner liefert täglich mit elektrischer Energie aus Schweizer Wasserkraft in der Stadt Zürich und Umgebung aus. Seit 2014 entwickelt der Hersteller EFORCE auf der Basis eines IVECO «Stralis», in Zusammenarbeit mit Pistor, diese Elektro-Lkws. Nach Angaben des Unternehmens leisten diese bisher überzeugende Dienste: «Im Vergleich zu den Dieselmotoren sind die Elektroantriebe eine sehr positive und saubere Alternative für die Warenverteilung in den Städten.»

 

 

Info

Neues von der IAA Nutzfahrzeuge 2018

Emissionsfreie Kälte
Schmitz Cargobull stellte den Prototypen der emissionsfreien Kältemaschine für Sattelkoffer vor. Die rein elektrisch betriebene S.CU e (electric Semitrailer Cooling Unit) ist für den Einsatz im Verteilerverkehr ausgelegt. Das Kühlen und Heizen der Ware ist ohne Einschränkung in der Kälte- (bis zu 15.900 W) und Heizleistung (9.100 W) möglich. Die Batterien sind am Stützwindwerk und im hinteren Bereich des Sattelkoffers so angebracht, dass ein Palettenkasten wie gewohnt verbaut werden kann.

Mehr Reichweite
Seit der Einführung des aktualisierten Stadtlieferwagens e-NV200 mit neuer 40-kWh-Batterie im Januar 2018 hat Nissan europaweit bereits 7000 Fahrzeuge verkauft. Im neuen WLTP-Messzyklus (Worldwide Harmonized Light Vehicle Test Procedure) erzielt der aktualisierte e-NV200 mit der neuen Batterie eine Reichweite von bis zu 200 Kilometern im kombinierten Zyklus sowie von bis zu 301 Kilometern im städtischen Zyklus.

Vernetzte Transporte
Mit der Studie EZ-PRO präsentierte Renault auf der IAA Nutzfahrzeuge seine Vision eines vernetzten, voll automatisierten und batterieelektrischen Transportsystems für den städtischen Lieferverkehr auf der sogenannten «letzten Meile». EZ-PRO besteht aus zwei «Pod» genannten Fahrzeugtypen: dem autonom fahrenden, aber bemannten Leader Pod, mit dem ein Mitarbeiter Pakete und Waren persönlich abliefert, und den komplett fahrerlosen Follower Pods, die dem Leader Pod im Konvoi folgen und auf der Schlussstrecke eigenständig zum Zielort fahren.

Mild-Hybrid-Diesel
Eine bessere Kraftstoff-Effizienz verspricht die innovative Mild-Hybrid-Diesel-Technologie (mHEV), die Ford für seinen Transporter Transit anbietet. Damit wird Bewegungsenergie in  Verzögerungsphasen rekuperiert und in einer Batterie gespeichert. Diese elektrische Energie unterstützt anschliessend bei niedrigen Drehzahlen das Beschleunigen und übernimmt den Antrieb von Neben-Aggregaten. Im innerstädtischen Lieferverkehr mit häufigem Start-Stopp-Betrieb sind laut Ford Einsparungen von acht Prozent möglich.